José A. Fernández

Ich kam als Blinder zur Welt, nicht im physischen Sinn, sondern geistlich gesehen. 1899 wurde ich in einer der gebirgigsten, unzugänglichsten Regionen Asturiens geboren, die man zurecht die‚ spanische Schweiz‘ nennt. Meine Eltern waren praktizierende Katholiken und glaubten vorbehaltlos alles, was die römisch-katholische Kirche lehrte. Sie hatten im wahrsten Sinne des Wortes einen blinden Glauben und gaben diesen an ihre siebzehn Kinder weiter. Der katholische Glaube durchdrang Herz, Verstand und sogar den Körper jedes Einzelnen. Wir nahmen die Liebe und Verehrung Marias schon mit der Muttermilch auf, und später prägte man uns Kindern die Wichtigkeit von Medaillen, Skapulieren, Rosenkränzen und Heiligenbildern ein; was der Priester sagte, war Gesetz und musste befolgt werden.

Soweit ich mich zurückerinnern kann, fühlte ich mich zu allem hingezogen, was mit der Kirche oder dem Priester in Verbindung stand. Diesen betrachteten wir als Supermenschen, der frei von gewöhnlichen menschlichen Bedürfnissen und Schwachheiten war. Meine grösste Befriedigung war der Dienst als Ministrant. Ich erachtete es als grosses Vorrecht und als Ehre, frühmorgens in gebirgigem Gelände drei Kilometer durch den Schnee zu stapfen, um dem Priester in der Messe zu dienen. Im Alter von sieben Jahren konnte ich die Ministrantengebete auf Latein rezitieren.

Blinder Glaube an die Kirche

Unsere Familienandachten bestanden aus Rosenkranzgebeten und einer langen Anrufung aller Schutzheiligen und wurden jeden Abend ohne Ausnahme durchgeführt. Die ganze Familie, einschliesslich der kleinen Kinder, versammelte sich dazu in der Küche, die auch als Wohnzimmer diente. Wir bildeten eine beachtliche Schar! Wenn mein Vater den Rosenkranz aus seiner Tasche nahm, war dies das Signal für uns alle, auf den nackten Steinboden niederzuknien, bereit für die darauffolgende Tortur, die meistens vierzig Minuten dauerte.

Das Rosenkranzgebet bestand aus dem ‚Apostolischen Glaubensbekenntnis‘, dreiundfünfzig ‚Ave Maria‘, sechs ,Ehre sei dem Vater‘, fünf ‚Vaterunser‘, einem ‚Angelus‘ und der Lauretanischen Litanei. Als ob das nicht genug gewesen wäre, folgte noch eine schier endlose Reihe von Anrufungen und Bitten an die verschiedenen Jungfrauen, Engel und Heiligen, die in allen möglichen Lebensumständen spezifische Hilfe und Schutz gewähren sollten.

Bilderverehrung

Das religiöse Leben meiner Jugendzeit kreiste um einen jährlichen Höhepunkt: das Fest der ‚Jungfrau von Alba‘ am 15. August, dem Tag der Himmelfahrt Marias. Diese ‚Jungfrau‘ war die Patronin der Region. Der Legende zufolge war die Jungfrau Maria auf einer nahegelegenen Anhöhe mit Namen Alba einem Hirten begegnet. Um diese Erscheinung zu ehren, wurde dort ein Heiligtum erbaut. Jedes Jahr findet eine Prozession statt, an der Tausende von Pilgern von nah und fern teilnehmen und diese Stätte besuchen. Bei der Prozession wird die Statue der Jungfrau in herrliche Kleider gehüllt und durch die Berglandschaft getragen, begleitet von den Gläubigen, die sie anrufen und verehren, sie um ein Wunder bitten oder ihr für ein schon vollbrachtes Wunder danken. Jede Region Spaniens verehrt mindestens eine solche wundertätige Jungfrau. Fatima hat Hunderte von ‚Kopien‘!

Die römisch-katholische Theologie unterscheidet zwar zwischen der Statue und der Person, die durch die Statue dargestellt wird. Aber diese Unterscheidung ist rein theoretisch. Ohne Zweifel beteten sowohl ich als auch diese einfachen Bergleute wirklich das Bild an. Für uns war die Figur mit einer übernatürlichen Kraft begabt, obwohl sie nicht einmal eine Statue im eigentlichen Sinn war, sondern nur aus einigen Stäben bestand, die, zu einer Art Skelett zusammengebaut und mit einem Kopf versehen, schliesslich mit Seide und Gold umhüllt wurden. Als ich eines Tages sah, wie die Altarschmückerinnen die Statue auszogen, war ich sprachlos vor Schrecken. Die Jungfrau meiner Träume war ein blosses Holzgestell! Dieses ernüchternde Bild blieb für immer in meinem Gedächtnis haften.

Unser Priester hatte bemerkt, dass religiöse Dinge mich anzogen und schlug mir vor, das Studium zum Priesteramt aufzunehmen. Da ich eine sehr hohe Meinung von diesem Beruf hatte, liess ich mich bereitwillig von ihm überzeugen, zur grossen Freude und Zufriedenheit meines tief religiösen Vaters und zur Bestürzung meiner ebenso religiösen Mutter, deren Mutterliebe und -instinkt sich gegen diese Idee wehrten.

Mönch und Priester

Mit zwölf Jahren verliess ich mein Zuhause, meinen Vater, meine Mutter und meine Geschwister und sah sie nie wieder. Aber die Erhabenheit des Priesterstandes, der Charme des Klosterlebens und die Aussicht auf die Errettung meiner Seele überwanden die natürliche Traurigkeit, die mich befallen hatte, als ich mich von meiner Familie und der Umgebung meiner Kindheit verabschiedete.

Man sandte mich in ein Internat in der Provinz Valladolid, das von Priestern des Dominikanerordens geleitet wurde und für Jungen bestimmt war, die bereits von ihren Eltern für das Priesteramt ausgesondert worden waren.

In den vier Jahren, die ich dort verbrachte, lernte ich nicht nur den üblichen Schulstoff, sondern wurde auch ein ausgezeichneter Kenner des römisch-katholischen Katechismus. In dieser Zeit war es, dass der Katholizismus mich mit Leib und Seele gefangen nahm und der Same der Intoleranz in meine Seele gesät wurde. Der Katechismus bestand darauf, dass es nur eine wahre Kirche Jesu Christi gebe, ausserhalb welcher kein Heil sei. Diese eine Kirche war die ‚heilige katholische apostolische römische Kirche‘.

In dieser Zeit war es auch, als in meinem jungen Gemüt das Bild von Gott als strengem Richter aufgebaut wurde, der ständig bereit sei, uns für unsere Sünden zu bestrafen; ein zürnender Gott, den man mit guten Werken, Bussübungen und Selbstkasteiung besänftigen musste.

In den ersten zwei Jahren wurde ich mehrmals mit besonderen Auszeichnungen geehrt, weil ich vorbildlich jede Vorschrift der Schule eingehalten und mich mit grossem Fleiss meinen Studien gewidmet hatte. Nach dieser Schule kam ich in das Novizenhaus der Dominikaner in Avila und erhielt in dem berühmten Kloster von Santo Tomas im Alter von sechzehn Jahren die schwarz-weissen Mönchskleider des Dominikanerordens.

Eine Zeit der Qual

Ein ganzes Jahr war dem intensiven Studium der Klosterregel und verfassung gewidmet, und der Superior wachte ständig und genau darüber, dass man diese auch einhielt. Wir erlernten auch die Gesänge für das ‚Offizium der Jungfrau‘. Es war ein Jahr harter Prüfungen und Erprobungen, welche nur die Stärksten überstehen konnten. Vom 14. September bis Ostern war Fastenzeit. Einund ausgehende Briefe wurden vom Novizenmeister sorgfältig zensiert. Jeglicher Kontakt mit der Aussenwelt war untersagt. Nicht einmal mit den Mönchen und Priestern des Klosters durften wir sprechen. Jede Woche, meist am Samstag, mussten wir beichten, und zwar dem Novizenmeister, der gleichzeitig unser Superior und ständiger Überwacher war. Man kann sich leicht vorstellen, dass die jungen Novizen den Beichtstuhl regelrecht fürchteten! (Diese unbarmherzigen Praktiken wurden unterdessen  durch  das kanonische Kirchenrecht geändert.) Es waren der Traum und die  Vorfreude  darauf, eines Tages vollwertiger Priester zu sein, die mir den nötigen Mut gaben, dieses Jahr der Prüfung und absoluten Selbstverleugnung erfolgreich zu bestehen.

Ein erstes Stück Freiheit erhielt ich am 8. September 1917, am Fest der Geburt der Jungfrau Maria, als ich meine Gelübde als Mönch des Dominikanerordens ablegte. Es folgten weitere vier Studienjahre in Santo Tomas, in einem Gebäude gleich neben dem Novizenhaus.

Seit ich als Zwölfjähriger mein Elternhaus verlassen hatte, bis zum Abschluss meiner Studien in Santo Tomas mit 21 Jahren, hatte ich mit keiner einzigen Frau gesprochen. Das weibliche Geschlecht wurde unsern jungen Herzen als etwas Böses beschrieben und mehr als einmal erzählten uns die Religionslehrer Geschichten von Heiligen, die nicht einmal das Gesicht ihrer Mütter angeschaut hatten. Diese Vorbilder der Keuschheit sollten wir nachahmen.

Studium in Amerika

Zusammen mit siebzehn Mitstudenten von Santo Tomas wurde ich für die letzten Studienjahre nach Amerika geschickt. Wir waren bereits mit den schwarzen Kleidern ausgestattet, welche die nordamerikanischen Priester trugen, als wir – zum ersten Mal seit neun Jahren – die Strassen Madrids betraten. Wir betrachteten die hübschen jungen Frauen und erröteten, so oft sich unsere und ihre Blicke kreuzten.

Ich war nun 21 Jahre alt und war noch nie jemandem begegnet, der nicht römisch-katholisch war. Zu jener Zeit zählte sich in Spanien jeder zur römisch-katholischen Kirche. Ich hatte zwar von Protestanten gelesen und gehört, aber ich konnte nicht glauben, dass es diese Leute wirklich gab.

Meine erste Gelegenheit, einen Nicht-Katholiken kennenzulernen, war auf der Schiffsreise nach Nordamerika. Auf dem Schiff befand sich ein amerikanischer Gentleman, der einige Jahre in Spanien gelebt hatte und nun mit seiner entzückenden, siebzehnjährigen Tochter in die Vereinigten Staaten zurückkehrte. Die Tochter sprach fliessend spanisch und so ergab es sich, dass eines Tages drei von uns sich mit ihr zu unterhalten begannen. Mit Entsetzen vernahmen wir, dass sie dem protestantischen Glauben angehörte. Mit einem brennenden Eifer und nicht gerade vorsichtig, begannen wir, sie zu bearbeiten. Wir wandten alles an, was wir gelernt hatten, um Protestanten zum Katholizismus zu bekehren.

So begannen wir mit dem Thema der heiligen Jungfrau Maria und fragten das Mädchen: „Glaubst du nicht an die heilige Jungfrau Maria?“ „Doch“, antwortete sie, „aber nicht in der gleichen Art wie ihr.“ Diese schlichte Antwort entsetzte uns. „Weisst du denn nicht, dass wir zu Maria beten müssen, um errettet zu werden?“ „Nein, das wusste ich nicht“, war ihre schnelle und sorglose Antwort. Schliesslich sagten wir ihr in unserer Verzweiflung: „Weisst du denn nicht, dass ein Mädchen wie du zu Maria beten muss, damit sie deine Jungfräulichkeit bewahrt?“ Nun begann sie zu weinen und rannte die Treppe hinauf zu ihrem Vater, um ihm alles zu erzählen. Zwei Minuten später kam dieser zu uns herunter, mit einem Revolver in der Hand, bereit, uns ins Jenseits zu befördern. Wenn nicht der Kapitän dazwischen getreten wäre, hätte er es wohl getan. Das war mein erster evangelistischer Versuch. Nun wusste ich die Protestanten zu fürchten!

Treuer Pharisäer

In Amerika verbrachte ich zunächst drei Jahre im Theologischen Seminar der Dominikaner in Louisiana und dann einige Zeit an der Notre Dame Universität.

Bald nach meiner Ordination zum Priester wies man mir eine Stelle als Kaplan an einer der grössten römisch-katholischen Pfarreien von New Orleans, Louisiana, zu. In dieser Funktion diente ich neun Jahre. 1932 wurde ich zum Priester dieser Pfarrei ernannt. Unermüdlich, eifrig und erfolgreich arbeitete ich dort sechs Jahre lang. Die Pfarrei nahm an Mitgliedern zu, die Gottesdienste wurden besser besucht, mehr Sakramente ausgeteilt und mehr Geld eingenommen. Als ich das Priesteramt antrat, zählte die kircheneigene Schule etwa 450 Schüler. Zwei Jahre später waren es über tausend. Ich sorgte dafür, dass hunderte von armen Kindern kostenlos eine religiöse Ausbildung erhielten.

Der Dominikanerorden übergab mir als Ehrung das Amt des Superiors in dem Haus der Dominikaner, das der Kirche angeschlossen war. Diese Kommunität bestand aus fünf Priestern und zwei Laienbrüdern. Ich war auch Beichtvater mehrerer Frauenklöster, was zeigt, welch hohes Ansehen ich beim Erzbischof, bei meinen religiösen Vorgesetzten und in meiner Pfarrei genoss. Ich war wirklich ein ‚Oberster der Pharisäer‘, der eine persönliche Begegnung mit dem lebendigen Christus brauchte.

Eine unerwartete Wendung

Im sechsten Jahr meines Pfarreidienstes begann ich, an einigen Lehren der römisch-katholischen Kirche zu zweifeln. Als erstes konnte ich nicht mehr daran glauben, dass die Priester bei der Beichte die Vollmacht haben, Sünden zu vergeben. Aber auch die Lehre der Transsubstantiation, wonach Christus in der Hostie und im Kelch wirklich leibhaftig anwesend sei, konnte ich nicht mehr für wahr halten.

Mein Glaube an die römisch-katholische Kirche wurde immer schwächer. Da ich spürte, dass ich nicht länger als Heuchler leben konnte, befasste ich mich mit dem Gedanken, das Priesteramt niederzulegen. Da sorgte Gott durch menschliche Umstände für eine günstige Gelegenheit. Der General des Dominikanerordens gab einen Befehl heraus, nach dem alle spanischen Dominikanerpriester in Louisiana ihre Pfarreien verlassen und amerikanischen Dominikanern übergeben mussten. Einige wurden nach Spanien versetzt, andere auf die Philippinen. Ohne Aufbegehren fand ich mich damit ab, meine Pfarrei zu verlassen, denn ich spürte, dass die Hand Gottes hinter dieser unerwarteten Wendung stand. Aber ich weigerte mich, das Land zu verlassen, welches mir zur zweiten, geliebten Heimat geworden war. So verliess ich das Priesteramt und landete auf der schiefen Bahn der Sünde.

Aber irgendwo auf diesem Weg erbarmte sich Gott über mich und rettete mich vor einem jämmerlichen Ende. Eineinhalb Jahre lang tobte ein schrecklicher Kampf in meiner Seele. Ich war mehrmals versucht, mich von Gott und allem Heiligen abzuwenden. Doch dann erinnerte ich mich an die Worte des Petrus: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens.“

Die Welt mit all ihren Vergnügungen und Attraktionen konnte die Leere in meinem Herzen nicht füllen und nachdem ich vergeblich versucht hatte, mein Glück in den Dingen der Welt zu finden, wollte ich das Heil meiner Seele in einem Kloster in Florida suchen. Ich hatte die Absicht, mich in der Einsamkeit des Klosterlebens ganz Gott hinzugeben und mein Ich innerhalb dieser heiligen Mauern zu begraben, um so meine Errettung zu erarbeiten und zu verdienen. In der Abgeschiedenheit eines Klosters, dachte ich, würde Gott mir sicher diese Gewissheit der Errettung und den Seelenfrieden schenken, wonach ich suchte.

Das war meine Absicht, aber Gott hatte andere Pläne mit mir. Von da an wurde offensichtlich, dass Gottes Hand mich führte, und es war ausgerechnet im Kloster, wo ich den evangelikalen Glauben kennenlernte.

Das inspirierte Wort Gottes

Eine Zeitlang arbeitete ich in der Bibliothek des Klosters, wo ein spezieller Schrank stand, angeschrieben mit: „Verbotene Bücher”. Eines Tages siegte die Neugierde und ich schloss den Schrank auf. Er enthielt sechs oder sieben Bücher, welche ich eines nach dem anderen las. Es waren religiöse Bücher, die das Thema behandelten, warum die römisch-katholische Kirche nicht die wahre Kirche Jesu Christi sei.

Ich begann auch, die Bibel zu lesen. Bis dahin hatte mir die Bibel nicht viel bedeutet. Sie war zwar das inspirierte Wort Gottes, aber man hatte mir beigebracht, dass der Verstand eines gewöhnlichen Menschen seine wahre Bedeutung nicht erkennen könne. Ich hatte gedacht, nur ein höherer Verstand mit einer unfehlbaren Autorität könne herausfinden, was der Heilige Geist sagen wollte, als er die heiligen Schreiber inspirierte, und so hatte ich es vorgezogen, das Wort Gottes so zu lesen, wie diese unfehlbare Autorität es verstanden hatte und es in den römisch-katholischen Messund Gebetsbüchern festhalten liess.

Nach und nach wurde mir das Bibellesen zu einer Quelle des Trostes und neuer Gedanken in der Einsamkeit des Klosters und ich begann, die wirkliche Bedeutung gewisser Bibelstellen zu verstehen, die ich in der Vergangenheit kaum beachtet hatte. Besonders die folgenden Verse bewegten mich sehr: „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat. Das ist das Zeugnis zur rechten Zeit“ (1.Timotheus 2,5-6). „Die Gnade sei mit allen, die unseren Herrn Jesus Christus lieb haben, unwandelbar! Amen.“ (Epheser 6,24). „Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du gerettet werden, du und dein Haus!“ (Apostelgeschichte 16,31).

„Der Geist aber sagt ausdrücklich, dass in späteren Zeiten etliche vom Glauben abfallen und sich verführerischen Geistern und Lehren der Dämonen zuwenden werden durch die Verstellungskunst von Leuten, die Betrug lehren, die in ihrem eigenen Gewissen gebrandmarkt sind. Sie verbieten zu heiraten und Speisen zu geniessen, die doch Gott geschaffen hat, damit sie mit Danksagung gebraucht werden von denen, die gläubig sind und die Wahrheit erkennen. Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird“ (1.Timotheus 4,1-4).

In dieser Zeit wurde der Same des Wortes Gottes in den Garten meiner Seele eingesenkt. Ich versuchte zwar, diese Saat im Keim zu ersticken, aber sie wuchs und sollte eines Tages Frucht bringen.

Durch die Beschäftigung mit der Kirchengeschichte – ich unterrichtete die jungen Mönche in diesem Fach – erkannte ich immer mehr, wie korrupt die römisch-katholische Kirche sowohl in der Lehre wie in der Praxis gewesen war, und in meinem Herzen wuchs eine tiefe Bewunderung für die mutigen Führer der Reformation.

Nach zwei Jahren im Kloster hatte ich weder den Frieden noch die Freude gefunden, die ich gesucht hatte. Was sollte ich als nächstes tun?

Soldat in der amerikanischen Armee

Ich wollte nicht länger in dieser Umgebung bleiben und sehnte mich danach, etwas Nützliches für die Menschheit zu tun. Weil das Land, das mir zur zweiten Heimat geworden war, im Krieg stand, entschloss ich mich für das Ehrenhafteste, was mir möglich war: Ich meldete mich bei der US Armee. Nach der Grundausbildung schickte man mich zum ‚Intelligence Training Center‘ in Camp Ritchie, Maryland. Für diese Spezialausbildung wurden nur hochgebildete Männer ausgewählt. Unsere Befehle erhielten wir aber von Korporälen und Feldwebeln, die wahrscheinlich in ihrem zivilen Leben nicht mehr getan hatten als Strassen zu wischen oder Geschirr zu spülen und eine sehr grobe Sprache führten. Je gröber ihr Wortschatz, desto mehr Abzeichen trugen sie. Ich danke Gott für diese Männer, denn sie bereiteten mich auf meinen zukünftigen christlichen Dienst vor, indem sie mich Demut, Gehorsam, Disziplin und geistlich verstandene Demokratie lehrten.

Für einige Zeit war ich im Büro des Kaplans eingeteilt. Der Kaplan, Major Herman J. Kregel, war Geistlicher der Holländischen Reformierten Kirche, ein Mann mit einem leuchtenden Verstand und einem goldenen Herzen. Ich genoss es, Sonntag morgens seinen Predigten zuzuhören, denn er sprach flüssig und spannend. Während mein Verstand positiv auf seine ausführlichen und einleuchtenden Erklärungen zu Lehrfragen reagierte, wurde mein Herz von seinem vorbildlichen Wandel, seiner Güte, Nächstenliebe, Weitherzigkeit und Natürlichkeit angezogen. Zum ersten Mal merkte ich, dass ein protestantischer Geistlicher in seinem Glauben und Werk glücklich und aufrichtig sein konnte.

Anders als in anderen Armeen gibt es in der amerikanischen kein Abwerben von Mitgliedern anderer Konfession. Die Beziehungen zwischen dem protestantischen Kaplan und mir waren herzlich im Rahmen der gewöhnlichen Beziehung zwischen Kaplan und Soldat, aber nicht mehr. Er hatte nichts dagegen, dass ich die protestantischen Gottesdienste besuchte. Schliesslich war das Recht auf Glaubensfreiheit eines der Rechte, für die wir im Krieg standen.

Errettung durch Glauben allein

Eines Sonntags predigte Major Kregel über die Lehre des Paulus, dass die Errettung allein aus Glauben sei. Bis dahin hatte ich mich fest an meine Überzeugung geklammert, die Errettung werde aufgrund von Werken erlangt. Nach dem Gottesdienst ging ich in sein Büro, um ihm zu sagen, was ich von seinen ‚ketzerischen‘ Aussagen hielt. Bewaffnet mit der Bibelstelle aus Jakobus 2,24 („So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerechtfertigt wird und nicht durch den Glauben allein“) sagte ich ihm: „Wenn Ihre Behauptung stimmt, dann liegt Jakobus falsch; wenn Jakobus recht hat, sind Sie und Paulus falsch. Oder Sie müssen zugeben, dass es in der Bibel einen Widerspruch gibt.“ Er antwortete: „José, es kann keine Widersprüche in der Bibel geben, denn der Heilige Geist ist ihr einziger Autor, und er kann sich nicht widersprechen.“ Damit war ich natürlich völlig einverstanden.

„Nun“, fuhr er fort, „wenn Paulus sagt, dass die Errettung allein aus dem Glauben kommt, spricht er vom Blickwinkel Gottes aus, der unsere Gedanken lesen und in unsere Herzen sehen kann. Was Gott betrifft, sind wir in dem Moment gerettet, in dem wir glauben. Aber dieser Glaube ist ein Vertrauensakt, nicht einfach eine verstandesmässige Zustimmung zu ein paar Lehrsätzen. Andererseits“, erklärte der Kaplan weiter, „wenn Jakobus festhält, dass die Errettung auch durch Werke kommt, dann spricht er vom Gesichtspunkt der Menschen aus, die weder unsere Gedanken lesen noch in unser Herz sehen können und deshalb etwas Sichtbares und Greifbares brauchen, um zu beurteilen, ob jemand errettet ist oder nicht. Was die Menschen betrifft, sind wir errettet, wenn wir gute Werke tun, aber diese Werke sind nicht die Wurzel (Ursache), sie sind das Resultat der Errettung.“

Dieser Erklärung konnte ich voll zustimmen. Die letzte verstandesmässige Barriere war beseitigt. In meinem Kopf wurde ich gläubig und versprach dem Herrn, nach dem Militärdienst mein Leben für den protestantischen Dienst einzusetzen. Aber für einen solchen Dienst war ich noch nicht geeignet. Mein Verstand hatte sich bekehrt, aber mein Herz war noch unberührt.

Ein Sünder wird errettet

Ich betete um Licht, las und studierte, und an meinen freien Tagen besuchte ich die verschiedenen Kirchen in Maryland und Pennsylvanien. Ich wollte herausfinden, welche mir aus biblischer Sicht am meisten zusagte.

Während einem meiner Ausflüge nach Baltimore begegnete ich der Frau, die meine Lebensgefährtin werden sollte: einer tief gläubigen Baptistin. Sie hatte eine gewinnende Persönlichkeit, einen wunderbaren Sinn für Humor und ein feines, christusliebendes Herz. Unsere kurze Verlobungszeit endete in einer äusserst glücklichen Hochzeit, die ein Baptistenprediger in einer Baptistenkirche durchführte. Die Errettung konnte mir meine liebe Frau allerdings nicht schenken, aber sechs Monate nach unserer Hochzeit liess der barmherzige Herr mich das ewige Heil finden.

Im Herbst 1944 wurde ich als Übersetzer für südamerikanische Offiziere eingesetzt, die in Fort Riley, Kansas, an der Militärakademie studierten. Neben der militärischen Forschungsarbeit forschte ich auch in geistlicher Hinsicht, nämlich nach der Wahrheit. Eines Samstagabends stiess ich auf eine Freiversammlung der Heilsarmee an einer Strassenecke in Junction City, Kansas. Meine ersten Gefühle waren Gleichgültigkeit und sogar Verachtung. Aber dann bewog mich eine übernatürliche Kraft dazu, dem weiteren Verlauf der Versammlung genau zu folgen. Eine junge Salutistin gab eine aufrüttelnde Botschaft, die sie mit dem Aufruf an alle Umstehenden endete, an das allgenügende Opfer Christi zu glauben. Dann zitierte sie die Worte Jesu aus Johannes 5,24: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.“ In diesem Moment merkte ich, wie ich durch eine übernatürliche Kraft vom Tod zum Leben durchdrang. Ich fiel auf meine Knie, bekannte Christus als Herrn meines Lebens und nahm ihn als meinen Erretter an. Was geschah und wie es geschah, kann ich nicht erklären; ich kann nur mit dem blinden Mann aus dem Evangelium bezeugen: „Eines weiss ich: dass ich blind war und jetzt sehend bin!“ (Johannes 9,25).

Angesichts der Veränderung, die in meinem Leben stattgefunden hat, kann man die Macht des Heiligen Geistes nicht leugnen. Es ist etwas in meinem Leben geschehen; ich bin nicht mehr derselbe Mensch. Ich liebe die Dinge, die ich vorher hasste und hasse, was ich früher liebte. Einem nicht wiedergeborenen Menschen mag das als Torheit erscheinen, denn „der natürliche Mensch nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss“ (1.Korinther 2,14). Mein Leben wurde seit jenem Tag ein öffentliches Zeugnis für die verändernde Kraft des Heiligen Geistes. Ich bin ein aus Gnade erretteter Sünder.

Prediger des Evangeliums

Bald nach unserer Hochzeit zogen meine Frau und ich nach Blue Ridge Summit, auf dem Hügelzug, der Maryland von Pennsylvanien trennt. Der Pastor der dortigen Presbyterianergemeinde, Rev. C.P. Muyskens, war ein ehemaliger Schulkollege von Kaplan Kregel, und wie er ein ehemaliger Geistlicher der Holländischen Reformierten Kirche. Wir gingen regelmässig in seine Kirche und lernten seine grosse Begabung als Prediger und Hirte schätzen. Wenn wir ihn zuhause besuchten, waren wir beeindruckt von seinem christlichen Familienleben. Er beschränkte seine Religion nicht auf die Kanzel, sondern nahm sie mit in den Alltag. Bei ihm fand ich die Inspiration, Führung und Ermutigung, die ich auf meinem Weg vom Soldaten zum Prediger des Evangeliums brauchte.

Am 24. April 1945, während ich noch in der Armee diente, wurde ich in der Presbyterianerkirche von Blue Ridge Summit zum presbyterianischen Pastor geweiht. Zwei Monate später hielt ich das sehnlich erwartete Schreiben in der Hand, das mich dankend aus dem Dienst der US Armee entliess.


Im Herbst des gleichen Jahres trat ich ins ‚Princeton Theological Seminary‘ ein, wo ich einen Doktortitel in Theologie erwarb. Das Jahr, das ich dort verbrachte, war ohne Zweifel das schönste meines Lebens. Dort erhielt ich geistliche Erbauung, Gemeinschaft mit Christen, intellektuelle Förderung und machte tiefe geistliche Erfahrungen. Diese Zeit war für mich das, was damals für den Apostel Paulus die Zeit in Arabien war. Wenn ich die Umstände an dieser Ausbildungsstätte mit denjenigen verglich, die ich als Junge im katholischen Seminar erlebt hatte, war der Unterschied enorm. Furcht, strenge Regeln und ständige Überwachung waren der Liebe, Freude und Freiheit der Kinder Gottes gewichen.

Nach seiner Bekehrung war José Fernández sehr aktiv in der Verkündigung des Evangeliums, besonders an der Ostküste der Vereinigten Staaten und unter spanisch sprechenden Menschen. Heute ist er beim Herrn.

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